Der Gesellenverein während der NS-Zeit

Die erfolgreiche Arbeit des Gesellenvereins setzte sich auch nach dem Jubiläum 1929 nahtlos fort. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten änderte sich das. Im Rahmen der Gleichschaltung 1935 wurden bekanntlich nahezu sämtliche Nichtparteiorganisationen verboten. Insbesondere die vereinsmäßig organisierte Arbeiterklasse hatte die NSDAP-Führung dabei im Auge.

Die Verbandsleitung des Gesellenvereins in Köln hatte bereits ab 1933 einen Kurs gefahren, der den Nationalsozialisten die Loyalität und die Anpassungsbereitschaft an das NS-Regime demonstrieren sollte. In der Hoffnung, so die eigene Unabhängigkeit zu sichern, hatte die Verbandsführung die Bereitschaft zur Mitarbeit im neuen Staat beteuert und als eine Art Bekräftigung dieser Haltung die Umbenennung des Katholischen Gesellenvereins zur Deutschen Kolpingsfamilie beschlossen. Diese bedenkliche Taktik ging letztendlich zwar auf, die Deutsche Kolpingsfamilie blieb von einem Komplett- verbot verschont, aber den Repressalien der NSDAP war auch sie ausgesetzt.

Ab 1934 begannen die Nationalsozialisten deutschlandweit eine „Politik der Nadelstiche" gegen die katholischen Vereine. Das traf auch die lokale Ebene. Im Februar 1933 hatten die Gesellen noch unbehelligt zu einem „Konzert mit Tanz" eingeladen, ein anderer Titel für die alljährliche Karnevalsfeier. Doch bereits ein Jahr später hatte sich das Klima auch auf Ortsebene stark verändert. So forderte Landrat Dr. Peter Cremerius am 21. Februar 1934 von Bürgermeister Josef Becker eine Aufstellung der katholischen Vereine in Velen und Ramsdorf. Insbesondere Neugründungen seit Jahresbeginn sollten gemeldet werden. Das Schreiben muß man als Ausdruck des Misstrauens gegenüber den katholischen Vereinen verstehen. Becker führt in der prompten Antwort vom 27. Februar den Gesellenverein Velen mit 39 Mitgliedern auf, verschweigt aber die rund 200 Ehrenmitglieder. Zweck und Ziele des Vereins seien „Geselligkeit, Fortbildung und religiöse Betreuung", so der Amtmann. Seine eher „mageren" Beschreibungen der Vereine verwundern insbesondere hinsichtlich des Velener Gesellenvereins nicht. Becker war bereits im Oktober 1927 in den Schutzvorstand des Vereins gewählt worden, stand ihm also nahe. Unter dem wachsenden Druck der Nationalsozialisten sollte er sich später allerdings auch als Opportunist erweisen.

Das Theaterspiel ...

gehörte von Anfang an zu den Aktivitäten des Gesellenvereins. Nach 1934 war damit zunächst Schluss. Das Bild stammt vermutlich aus den späten 20er Jahren.

Im Mai 1934 fordert Berlin von den Staatspolizeistellen Berichte an, in „wie weit sich vor der Machtergreifung die katholischen Gesellenvereine durch Flugblattverteilung oder Unterstützung der Wahltätigkeit der Parteien politisch betätigt haben." Auch das spiegelt ein heftiges Misstrauen gegenüber den Kolpingsöhnen wider.

Ähnlich wie die Verbandsleitung in Köln versuchte die Velener Kolpingsfamilie sich mit den neuen Machthabern zu arrangieren. Als Indiz dafür mag gelten, dass die Gesellen unter Johannes Höbing im September 1934 ein Theaterstück mit dem nationalistischen Titel „Verdun" einstudierten und es im Oktober und November zu Gunsten des Winterhilfswerkes vier Mal aufführten. Allerdings war die „Spende" an das Winterhilfswerk verpflichtend. Das geht aus einem amtlichen Schreiben vom 8. März 1935 hervor, das einen entsprechenden Erlass von 1934 wieder aufhebt.

Den ersten größeren lokalen Konflikt zwischen Staatsmacht und Gesellen gab es im Juni 1934 in Ramsdorf. Anlässlich der Beerdigung des Ehrendechanten Schmees war dem katholischen Arbeiterverein sowie dem Gesellenverein Ramsdorf das Mitführen der Vereinsfahnen bei der Beerdingungsprozession verboten worden. Da die Vereine dem Verbot nicht folgten. beschlagnahmte die Ortspolizei die Fahne des Ramsdorfer Gesellenvereins. Die Mitglieder des Arbeiten er- eins hatten ihre Fahne rechtzeitig in der Kirche in Sicherheit bringen können. Von kirchlicher Seite gab es Proteste. die zur Herausgabe der Fahne und eine Entschuldigung durch Amtsbürgermeister Becker führten.

Die kolorierte Abbildung auf dieser Postkarte ...

zeigt das Hotel Ribbekamp/Westhof in der Hauptstraße (heute Coesfelder Straße). Hier war bis zum Krieg das Vereinslokal des Katholischen Gesellenvereins. Im hinteren Bereich war der große Festsaal, in dem die Kolpingsöhne Theater spielten. Das Foto muss vor 1939 aufgenommen worden sein. Denn zu Krieg- beginn wurden nach Aussagen von Zeitzeugen die eisernen Gitter der Villa gegenüber demontiert und eingeschmolzen. Das Haus Ribbekamp steht noch, heute hat hier ein Optiker sein Geschäft. In der Häusereihe rechts sieht man zudem die ehemalige Post und im Hintergrund die Gaststätte „Coesfelder Tor" mit dem hohen unverwechselbaren Giebel.

Dieser Vorfall wird nicht ohne Wirkung auf Velener Gesellen gewesen sein. Gleiches gilt wohl auch für die Auflösung der Deutschen Jugendkraft, die bereits 1933 erfolgt war. auch wenn diese Auflösung im Juli 1933 zurückgenommen wurde und der Verein das beschlagnahmte Schrift- und Übungsmaterial sowie sein Vermögen zurückbekommen hatte. Ein Teil der Gesellen hatte, wie bereits oben angeführt, unter der Leitung von Lehrer Hatscher bei der DJK Sport ausgeübt.

Auch der Katholische Jungmännerverband, eine zentrumsnahe Organisation, war zunächst verboten und im Juli 1933 wieder zugelassen worden. Bei diesem Verein war Lehrer Notz der Schriftführer. (Im Oktober 1937 wurde der Jungmännerverein letztendlich diözesanweit verboten. Die Behörden wurden aufgefordert, zu beobachten, ob sich die Mitglieder zum Beispiel dem Jungkolping, der Pfarrjugend oder den Messdienern anschlössen. Ein Zeichen dafür, dass die Nationalsozialisten sehr wohl die Nähe zwischen diesen Organisationen kannten.)

Ein Vorfall von 1935 traf die Velener Kolpingsfamilie ganz konkret. Am 11. April des Jahres wurde im Vereinslokal eine Kolpingbüste zertrümmert. Zur Tatzeit hielt sich auf der Kegelbahn der Gaststätte ein Trupp SA-Männer aus Österreich auf, die im Velener Schloss stationiert waren. (Die NSDAP war in Österreich unter Kanzler Dollfuß im Juni 1933 verboten worden. Österreichische Nationalsozialisten und SA-Leute sammelten sich seitdem in Deutschland in der sogenannten „Österreichischen Legion"). Der Verdacht richtete sich gegen diese Gruppe. Die Osterreicher waren zuvor schon in benachbarten Orten negativ aufgefallen. Ob die Polizei den Vorfall verfolgt hat, geben die archivierten Gemeindeakten nicht wider.

Im Juni 1935 verfügte der Landrat, dass die Teilnahme der konfessionellen Vereine und Jugendvereine an Prozessionen nicht behindert werden dürfe. Möglicherweise gab es einen weiteren Vorfall wie den vom Juni des vorangegangenen Jahres in Ramsdorf. Auch Fahnen und Banner dürften mitgeführt werden, so der Landrat. Ebenso sei das Tragen von Barett und Schärpen erlaubt. „Dagegen ist das geschlossene Auftreten dieser Formationen vor und nach der Prozession verboten", heißt es in dem Erlass.

Das Vereinsleben fast gänzlich zum Erliegen brachte ein weitere Erlass vorn Juli 1935, der an die katholischen Vereine insgesamt gerichtet war. SS-Reichsführer Heinrich Himmler verbot den Kolpingsfamilien darin die Durchführung fachlicher Unterrichtskurse, die Vermittlung von Arbeitsstellen und die Betreuung wandernder Handwerksgesellen. Lediglich religiöse Aktivitäten waren noch erlaubt. Das muß die Gesellenvereine empfindlich getroffen haben.

Wie sich die Velener Kolpingsfamilie danach verhielt, ist nicht bekannt. Im Februar 1936 wurde Senior Franz Rühling eine beantragte Fastnachtsfeier mit Hinweis auf einen Gestapo-Erlass vom Juni 1935 verwehrt. Es ist anzunehmen, dass die Kolpingsfamilie danach von weiteren offiziellen Veranstaltungen absah. Allerdings behielt der Verein nach wie vor seine Präsides und auch seine Senioren. Das heißt, es gab eine funktionierende Leitung.

Seit 1921 hatte Vikar Bütfering das Amt des Präses innegehabt. Ihm folgte 1935 Vikar Müller, der bis 1939 amtierte. Bei den Senioren hatte Franz Rühling 1933 Johannes Höbing abgelöst. Er führte den Verein bis 1937, übergab das Amt dann an Willi Markert. Ob der Amtswechsel durch Wahl oder Delegation zum Beispiel durch den Präses erfolgte, kann nicht mehr nachvollzogen werden. Hatte der Gesellenverein 1932 noch 53 Mitglieder gezählt, waren es 1934 nur noch 39 Aktive. Diese Zahl ist wahrscheinlich noch weiter gesunken.

Mit Ausbruch des Krieges wurden zahlreiche Mitglieder zum Wehrdienst eingezogen. Hier reißt auch die Kette der Präsides und Vorsitzenden ab. Zwischen 1940 und 1945 war das Amt des Seniors verwaist. Bereits seit 1939 gab es keinen Präses mehr. Das alles deutet darauf hin, dass der Verein seine Aktivitäten spätestens ab 1939/40 komplett eingestellt hatte.

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